Soweit die Füße tragen … Günther meistert das Double aus Füssen Marathon und SUR Nightrun
Was für eine verrückte Idee: zuerst den Füssen Marathon als Pflichtprogramm in Angriff nehmen und dann nur 12 Stunden nach dem Zieleinlauf am Start des Salzach Ultrauflauf Nightrun über 104 Kilometer am Pass Lueg zu stehen.
Lange hatte ich mit mir gerungen, ob ich dieses herausfordernde Double wirklich wagen soll, aber nachdem Christian seine Bereitschaft erklärt hatte, die zwingend vorgeschriebene Crewbegleitung zu übernehmen und Sabine sich schon länger für den Lauf angemeldet hatte, meldete ich mich Ende Juni definitiv an. Letztes Jahr war ich beim SUR ja über die volle Distanz von 240 Kilometern am Start, musste aber den Lauf wegen Kreislauf- und Magenproblemen nach ca. 130 Kilometern kurz vor Pass Lueg leider vorzeitig beenden. Daher bot sich mit dem heuer neu ins Programm aufgenommenen SUR Nightrun die Gelegenheit, den noch fehlenden Streckenabschnitt bis zur Mündung in den Inn in Angriff zu nehmen. Wegen der Terminüberschneidung mit dem Marathon war ein Start über die anderen Distanzen grundsätzlich nicht möglich.
Doch immer schön der Reihe nach. Nachdem ich beim Füssen Marathon seit seiner ersten Auflage als einziger Teilnehmer jedes Jahr erfolgreich mit dabei war, wollte ich diese einmalige Serie natürlich auch heuer bei der inzwischen 24. Auflage nicht abreißen lassen. So machte ich mich am Freitag Mittag (24.07.) auf Richtung Füssen. Nachdem ich in meiner Unterkunft in Roßhaupten eingecheckt hatte, holte ich meine Startunterlagen in Füssen ab und stattete dem Lechfall einen kurzen Besuch ab. Mit so wenig Wasser habe ich den Lech definitiv noch nie gesehen. Danach zurück zur Unterkunft, Energiespeicher auffüllen und Beine hochlegen. Schließlich hatte ich ja ein umfangreiches Programm vor mir.
Um halb sechs klingelte der Wecker, nach einem kurzen Frühstück ging es eine Stunde später Richtung Füssen. Pünktlich um halb acht ging es gutgelaunt und bei bestem Wetter mit blauem Himmel und noch angenehmen Temperaturen auf die Strecke. Ich hatte mir fest vorgenommen, mit angezogener Handbremse zu laufen, da ich meine Körner ja noch für den SUR brauchte. Aber das war nicht so einfach, da ich mich so gut fühlte und sich alles sehr locker anfühlte. So pendelte sich mein Schnitt auf den ersten 15 Kilometer bei gut 6 Minuten ein, 30 Sekunden schneller als geplant.
Nach der Halbmarathonmarke, die ich nach knapp 2:10 Stunden passierte, nahm ich dann aber vernünftigerweise deutlich Tempo raus und nutze vor allem die Verpflegungsstände, um bei nun steigenden Temperaturen immer genügend Flüssigkeit aufzunehmen. Nach 4:33 Stunden überquerte ich überglücklich und in guter Verfassung die Ziellinie, Teil 1 der Mission war erfüllt. Nachdem ich die Energiespeicher im Ziel wieder ein wenig aufgefüllt hatte, ging es kurz nach 13 Uhr schon wieder zurück nach Schwindegg.
Es dauerte 20 Minuten, bis ich aus dem Füssener Verkehrschaos rund um die Schlösser heraus war, aber danach lief es zum Glück halbwegs flüssig und gegen 16 Uhr war ich glücklich zu Hause. Jetzt die Sachen für den SUR fertig packen, die Lager auffüllen und ein wenig die Füße hochlegen. Viel Zeit bleib dafür nicht, denn bereits um 20.00 Uhr wollten wir von Mühldorf aus mit Christians Auto Richtung Pass Lueg starten.
Nachdem wir meine Sachen umgeladen hatten, ging es weiter Richtung Teising, wo Sabine schon auf uns wartete. Nach zwei Stunden Fahrt kamen wir gut am Start in Pass Lueg an, wo schon beste Stimmung herrschte und wir viele nette Gespräche führten.
Das Wetter spielte noch mit, die Temperaturen waren mit einem leichten Wind angenehm, so dass wir alle mit kurzem T-Shirt starten konnten. Für Vormittag war allerdings Regen vorhergesagt.
Ausgestattet mit Stirnlampe, Warnweste und Laufrucksack ging es Punkt 24 Uhr für die leider nur 15 verbliebenen Teilnehmer hinaus in die Nacht und das große Abenteuer konnte beginnen. Voraussetzung auf der komplett unmarkierten Strecke war natürlich der GPS-Track auf der Laufuhr. Da es nur vier offizielle Verpflegungspunkte auf der Strecke gab, musste sich jeder Läufer selbst zusammen mit seiner Crew um die Verpflegung kümmern. Hierzu hatten wir uns im Vorfeld die Strecke genau angesehen und 15 Punkte festgelegt, wo wir Christian mit dem Auto treffen wollten.
Gleich nach dem steilen Weg hinab auf der Strasse von Pass Lueg ging es auf einen schmalen Trail, der in der Nacht trotz Stirnlampen nicht einfach zu laufen war. Das Feld war bis Kilometer 5 noch halbwegs zusammen, bei Kilometer 9 trafen wir wie geplant nach gut einer Stunde beim ersten Treffpunkt mit Christian an der Brücke in Kuchl ein. Nun wechselte wir von der rechten auf die linke Salzachseite. Weiter ging es Richtung Hallein, inzwischen waren Sabine und ich mehr oder weniger alleine unterwegs und bei Dunkelheit dem Track auf meiner Laufuhr komplett ausgeliefert. Da sind mir gut markierte Wege schon deutlich lieber. Aber bis auf ein paar kleine Hackler manövrierten wir uns ganz gut durch und trafen nach 17 Kilometern wieder auf Christian. Leider bekam ich zunehmend Probleme mit meinem Magen und wir mussten deutlich Tempo herausnehmen. Beim nächsten Treffpunkt an der Überquerung der Königsseer Ache bei Kilometer 23,7 nach ca. dreieinhalb Stunden setzte zusätzlich leichter Regen ein, der uns bis Salzburg begleitete. Leider machte mir mein Magen immer mehr Probleme und ich musste immer mehr Gehpausen einlegen. Sabine war noch deutlich besser drauf, aber vom Regen genervt. Nach ca. 32 Kilometer wechselten wir auf das rechte Salzachufer, wo auch Christian wieder auf uns wartete.
Jetzt ging es durch Salzburg, es begann schon leicht zu dämmern und einige Partys waren noch im Gange. Nach 35,5 Kilometern kam endlich die erste offizielle VP, aber aufgrund von falsch interpretieren Informationen liefen wir leider daran vorbei. Ein Anruf von Christian machte uns auf den Irrtum aufmerksam und wir mussten nochmal ca. 500 Meter zurück, um uns registrieren zu lassen. Auch das noch! Mir ging es miserabel und ich brachte so gut wie nichts hinunter, aber aufgeben kam nicht in Frage, zumal wir ja noch genügend Zeitpuffer hatten. Nach einer halben Ewigkeit machten wir uns wieder auf den Weg, ein Stück trockenes Brot sorgte zumindest ein paar Kilometer lang für eine leichte Besserung. Sabine ginge es deutlich besser, ich versuchte so gut es ging, halbwegs Anschluss zu halten, war aber die meiste Zeit nur im Gehmodus unterwegs. Die Strecke verlief nun wunderschön entlang der Salzach und nach 45 Kilometern ging es mir zum Glück wieder etwas besser und ich konnte kurz vor dem nächsten offiziellen VP bei Kilometer 49,5 wieder zu Sabine aufschließen. Auch die Suppe und eine kühle Cola am VP taten gut. Jetzt ging es weiter nach Oberndorf, eine gesperrte Strecke zwang uns zu einer Umleitung (wie ich später von Christine erfahren habe, sind die anderen wohl alle dort weiter gelaufen), was zusätzlich an den Nerven zehrte und auch wohl ein wenig mehr Strecke bedeutete. Bei Kilometer 54 wartet Christian wieder auf uns, jetzt war immerhin schon mehr als die Hälfte der Strecke absolviert. Mir ging es jetzt deutlich besser und ich kam wieder ganz gut ins Laufen, dafür klagte Sabine über zunehmende Probleme mit der Achillessehne und kündigte an, dass Sie bei nächsten Treffpunkt mit Christian aussteigen würde. Leider konnten wir Sie nicht davon überzeugen, weiterzumachen und so war für Sabine das Rennen in Untereching nach 61,5 Kilometern zu Ende, wie schade!
Von nun an ging es alleine für mich weiter entlang der Salzach Richtung Tittmoning. Ich fühlte mich gut, hatte sogar einige Plätze gut gemacht und fand bis zum nächsten Treffpunkt bei Kilometer 67 in ein richtig gutes Lauftempo. Wohl ein wenig zu übermütig, denn die nächsten 8 Kilometern auf nicht enden wollenden Geraden bis zum nächsten offiziellen VP in Ettenau zogen sich wie Kaugummi. Aber irgendwann war es geschafft und ich wurde freudig von Christian erwartet. Sabine hatte sich dort abholen lassen und war schon auf dem Weg nach Hause.
Mit einem Stück Kuchen und super gekühlter Cola ging es nach kurzer Pause weiter auf die nächste Etappe. Der nächste Punkt, an dem ich Christian wieder treffen konnte, war erst 13 Kilometer später.
Ich fühlte mich auf einmal richtig gut und lief 4 Kilometer lang richtig zügig mit einem Schnitt um die 6:30 Minuten. Danach ging der Weg entlang der Salzach für mehrere Kilometer in einen schmalen, ziemlich zugewachsenen und teils wurzeligen Trail über; das war schon eine echte Herausforderung. Bei Kilometer 85 konnte ich den vor mir liegenden Läufer, der von seiner Tochter mit dem Fahrrad begleitet wurde, ein – und überholen. Wie ich später in der Ergebnisliste gesehen habe, lag er beim letzten VP bei Kilometer 75 noch über eine halbe Stunde vor mir. Das sorgte für zusätzliche Motivation. Bei Kilometer 88 wartete Christian auf mich, jetzt waren es nur noch 17 Kilometer bis zum Ziel. Leider setzte sich nun wieder zunehmend das flaue Magengefühl durch und auch der Läufer, den ich überholt hatte, zog wieder an mir vorbei. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nichts davon, dass es hier um Platz 3 ging. Ein paar Kilometer ging es noch halbwegs, ich konnte auch wieder vorbeiziehen, aber ab der Brücke in Burghausen bei Kilometer 91 war der Ofen ziemlich aus. Christian war mir vom VP in Ach aus entgegen gelaufen und ich schleppte mich irgendwie den steilen Anstieg hoch und kam völlig erschöpft am VP an, brachte außer einem Becher Wasser nichts hinunter. Noch waren 12,5 Kilometer zu absolvieren, ich wußte nicht, wie ich das schaffen sollte. Nach einer gefühlten Ewigkeit raffte ich mich doch irgendwie auf, weiterzumachen. Mein Konkurrent um Platz 3 war natürlich wieder vorbeigezogen, aber erstens wusste ich das ja zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht und zweitens gab es für mich nur die Devise, irgendwie das Ziel zu erreichen.
Doch manchmal sind es die glücklichen Zufälle, die Geschichte schreiben.
So traf ich nach wenigen hundert Metern auf meinen Lauffreund Rudi, der gerade seine Trainingsrunde absolvierte. Ich sagte zu Ihm, dass ich mich miserabel fühle und mich, wenn überhaupt, nur ein kühles, alkoholfreies Bier retten könne. Und Rudi ist tatsächlich zu sich nach Hause gelaufen und 10 Minuten später hatte ich tatsächlich ein super gekühltes Bier, super abgefüllt in eine Plastikflasche, in der Hand. Und bereits nach wenigen Schlucken setzte die erhoffte Wirkung ein. Wie wenn ich einen Schalter umgelegt hätte, kam ich wenige Minuten später mit Begleitung von Rudi wieder richtig gut ins Laufen und konnte auch den vor mir liegenden Läufer wieder überholen.
Bei Kilometer 98, unserem letzten Treffpunkt, wartete Christian auf uns und teilte mir mit, dass ich auf Platz 3 liege, erst jetzt wusste ich es offiziell, und mit sowas hatte ich überhaupt nicht gerechnet! Dies war natürlich ein zusätzlicher Motivationsschub für die letzten 7 Kilometer. Zum Glück bekamen wir noch rechtzeitig mit, dass mein Konkurrent um Platz 3 nochmal versuchte die Lücke zu schließen. Aber das wollte ich mir nicht mehr nehmen lassen und mit tatkräftiger Unterstützung von Christian und Rudi ging es auch den letzten Anstieg hoch und zum Abschluss 1,5 Kilometer entlang der Straße Richtung Ziel am Innsalzachblick.
Was für ein überwältigendes Glücksgefühl, als ich das Zielband unter Applaus durchlief. Ich hatte das Double tatsächlich geschafft und der sensationelle 3. Platz mit einem tollen Glaspokal war das i-Tüpfelchen.
Mein ganz großer Dank geht an Dich, lieber Christian, für die perfekte Unterstützung während des Rennens. Ohne deine Bereitschaft, die zwingend vorgeschriebene Crewbegleitung zu übernehmen, wäre ein Start überhaupt nicht möglich gewesen!
Den Pokal für den dritten Platz habe ich auf jeden Fall Dir, lieber Rudi, zu verdanken. Ohne dein Bier, das die Lebensgeister nochmals neu in mir erweckt hat, und deine Begleitung auf den letzten 10 Kilometern wäre das definitiv nicht möglich gewesen!
Liebend gerne wäre ich natürlich mit Dir, lieber Sabine, gemeinsam ins Ziel eingelaufen. Wirklich schade, dass es nicht geklappt hat.
Jetzt heißt es erst mal regenerieren – von Sonntag auf Montag habe ich 14 Stunden geschlafen, auch das ein Rekord.
Text: Günther / Bilder: Christian & Reinhold Wenzel (@reiniwahnsinn)














